Griffiges…winkliges…kräftiges… Griffwinkel bewußt wählen

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Das Auge isst mit!
Wenn wieder mal einer der omnipräsenten Fernsehköche eine südwestkatalonische
Variation von Spiegelei, dem nach kulinarischen Epiphanien gierenden Volkshochschulabsolventen präsentiert, dann müssen zumindest zwei himalayische Kiwistreifen für die notwendige Appetitanregung sorgen…ansonsten wär’s auch das Spiegelei von Oma Trude. 😉

Das Auge kauft auch mit!
Beim Flintenkauf ist der spielende Mensch, „homo ludens“, genauso inkonsequent gepolt.
„Form follows function“ ist weit weg, wenn optische Reize von cleveren Marketingsprüchen ergänzt werden ,der Stammtisch all das bestätigt, was die Werbung, Verkäufer und die „Fachwerbepresse“ behaupten.

Schnell wird da die neueste Erfindung zum unentbehrlichen „Must have“,das aufgewärmte Gimmick eines abgelaufenen Patents zur „richtungsweisenden“ Innovation und eine clevere Idee eines Herstellers um Lagerkosten zu minimieren zur kundenorientierten
Serviceleistung…
…Erfindungsrecycling dem weder der Greenerschaft noch das Überbohren von Läufen gewachsen war…
…trotzdem schießen alle nach Oma Trudes Spiegeleirezept.

Schön ist was gefällt …und hilft, immer neue kleine eurogefüllte Schweinchen durch’s Dörfli zu scheuchen.

Dabei gibt’s so manches Teil einer Waffe, bei dem Marketingargumente abprallen, da es eine bestimmte Funktion hat und die auf eine ganz bestimmte Weise erfüllen sollen.

Der Griff der Flinte ist so ein Teil.
Optisch für die Linienführung zwar präsent, gleichwohl beim Handling aber wichtig.

Ersteres deshalb, weil einerseits die klare Linie einer englischen shotgun, mit geradem Schaft als makelloses Grunddesign gilt, andererseits, weil Kurven in der Linienführung einer Sportingflinte besonders auffällig (von grottenhäßlich bis göttlich elegant) ihre Erscheinung (und Verkaufbarkeit) prägen.

Was das zweite, das das Handling betrifft, bedarf es einiger Grundkenntnisse, um den Sinn und Zweck der unterschiedlichen Formen zu erkennen.

Natürlich werden wir immer subjektiv mit den Augen und nach unserem persönlichen Schönheitsideal kaufen.
Dennoch ist es nicht verkehrt, auch mal den Kern der Sache zu betrachten…vielleicht hilfts ja beim nächsten Kauf , eine für sich noch bessere Flinte zu finden.
Ungeachtet natürlich der Tatsache, dass bei wirklichen Maßschäften (also keinen reinen Kopien der Standardschäfte mit teurerem Holz) Griffwinkel und Griffumfang auch berücksichtigt wird.

Das der Pistolengriff selbst bei Doppelflinten beliebt ist, treibt einem Puristen die Tränen in die Augen, ist aber nicht weiter schlimm, denn dies Beliebtheit ist ebenso wenig sinnlos, wie die Griffart eine rein deutsche Erfindung (wie gerne behauptet wird) ist.

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Fast jede Griffvariante hat ihre Vorteile!
Entscheidend ist aber immer der Verwendungszweck UND die individuelle Schießweise des Schützen.

Die Aufgabe des Griffes ist die Positionierung der rechten Hand.
Sie soll als rechtseitiger Support der linken Führungshand dienen , das Heben des hinteren Waffenteils durchführen und die Fixierung des Schaftes an der für den korrekten Anschlag notwendigen Gesichtposition ermöglichen.
Das Abziehen ist natürlich wichtig, hat aber mit der Form des Griffes nichts zu tun.

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Da unsere Hand beim Anschlag mit Unterarm, Oberarm, Schulter und Rückenmuskeln interagiert, ist es wichtig, sich die ablaufenden Kräfte vorzustellen.

Kurz gesagt ,werden immer dort Kräfte benötigt,genutzt oder verschwendet ,wo Gelenke abgewinkelt werden.

Nimmt man eine Linie an, die quer an den Fingerwurzeln durch die Hand läuft und eine gerade Linie die aus dem Unterarm kommt, bildet dieser Winkel den Standard im Ruhezustand .Ein so gegriffener Stock würde ergo fast vertikal gehalten.(bei waagrecht ausgestrektem Arm)siehe Bild

Greift die Hand einen Gegenstand und bringt ihn z.b. in Position zum Auge, verändert sich dieser Winkel naturgemäß .
Beispiel : der gegriffene Stock wird von der natürlichen vertikalen Position, in eine horizontale gebracht.

Dabei treten z.b. durch das Schließen der Finger und der Veränderung des Griffwinkels Kräfte auf, die den Gegenstand/Schaft nach oben drücken. (grüner Pfeil im Bild D)

Dieser Druck fixiert, im Falle einer Flinte mit englischem Schaft, den Schaftrücken an der Wange
Besonders wichtig ist dies z.b. bei Überkopftauben, oder bei getriebenen Fasanen.
Der häufigste Fehler ist hierbei das „Heben des Kopfes“, sprich die Unterbrechung des Kontaktes Schaft Wange/Jochbein.

Fangen wir mit einem extrem durchgestylten Schaft an :
(A)
ein typischer italienischer Sport/Wettkampfschaft mit extrem steilen Pistolengriff (sogn.Rudy Etchengriff)

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Er fixiert de Hand absolut entspannt. Keine Verwinkelung des Handgelenks!
Ein kräfteschobender Halt der Waffe ,ein entspanntes Abziehen und ein anatomisch ausgeglichener Support des Schwunges sowohl vertikal, als horizontal ist möglich.

Allerdings übt die rechte Hand keinen Druck nach oben ,Richtung Gesicht aus und fixiert den Schaft somit nicht.
Darüber ist der Schaft sehr schwer, massig und voluminös.
Er ist sehr auf die Verteilung der Rückstoßkräfte und somit ein sehr entspanntes Schießen von hohen Serien ausgelegt.
Es ist die Wahl der Leistungs-Sportler deren Anschlag gefestigt ist oder die durch Voranschlag ständig nachjustieren können.

Versuche von einigen Flintenherstellern, diese Art des Schaftes auch in SLFs und Jagdflinten anzubringen,scheiterten,da dieser Schaft keine Fehler im schnellen Anschlag verzeiht.

(B)
Weil nun nicht jeder so ein Leistungschütze ist, das Parcoursschießen sich weltweit als Kassenschlager erwiesen hat, modifiizerte man diesen Griff für die Sporting (Parcours) Gemeinde.
Da der Griffwinkel nun schon eine gewisse, leichte Drehung im Handgelenk erfordert,treten nun auch Kräfte auf , die den Schaftrücken leicht nach oben drücken. (grüner Pfeil)

Das Schießen ist immer noch entspannt und für lange Serien gut, doch als quasi eingebaute Fehlerkorrektur, unterstützt der Griff nun auch den Kontakt Schaft/Wange.( Beispiel B)

Eine perfekte Melange aus Kraftverteilung und Vermeidung von Anspannungen der Muskeln und Sehnen.
Nicht unnötig spezialisiert, dennoch bequem zu schießen…
Allein… schön schaut er für viele der Puristen unter den Jagdschützen nicht aus.

Dort gibt es ein Schönheitideal!

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(D)
der klassische (englische) gerade Flintenschaft.
Schlank, elegant und unnachahmlich …spezialisiert!

Richtig gelesen !
Der Schaft ist spezialisiert auf eine schnellen, jagdlichen Anschlag, den ein Schütze auf evtl. unebenen Terrain, mit wechselnder Kleidung, bei jeder Witterung durchführen muß.
Dabei ist der getrieben Jagdvogel,Fasan,Rothuhn, etc. hoch zu beschießen.
Also schnell und oft in steilen Winkeln nach oben.

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Dieser gerade Schaft positioniert die rechte Hand in einen starken Winkel und zwingt sie, in dieser Position höchsten Kräfte zur Wange des Schützen abzugeben.
Die Wange bleibt eisern am Schaft, auch wenn der Fasan noch so überaschend über Kopf einfliegt und der Schütze versucht ist, ihm mit dem Augen schneller als mit der Flinte zu folgen.

Halt! rufen jetzt einige: Was ist mit den Doppelflinten mit Pistolengriff ?

Die berühmte Winchester 21 war mit einem solchen ausgerüstet und unzählige deutsche und europäische Flinten ebenfalls.
Warum?
Weil ebenso wie bei der klassischen englischen Flinte, die Jagdverhältnisse das Waffendesign bestimmen.
Ein Pistolengriff ist hilfreicher als der gerade Schaft, wenn es weniger Überkopfziele gibt.
In einem Land wie DE, dass sich immer viel auf seine Hasen- und Kaninchenstrecken konzentrierte, oder in einem Land wie den USA, in denen formale ,getrieben Jagden Seltenheit hatten und die Flinte Allrounder war, ist dies verständlich.

( C )Die Jagdflinte

Dort herrschte und herrscht die eigentliche Krönung des Flintenschaftes:
der moderate Pistolengriff mit flachem Radius der in idealer Weise vom „Prince of Wales“- Schaft mit seinem runden Abschluss repräsentiert wird.

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Wer diesen Griffradius erfunden hat, ob Greener oder andere ,mag uns egal sein.
Fest steht: es geht nicht universeller für die Jagd.
Heute ist er als „der Jagdschaft“ Standart .

Der Winkel des Handgelenkes unterstützt die Kräfte zum Gesicht, dennoch liegt die Hand entspannt an der Waffe und unterstützt den Schwung souverän,selbst unter widrigen jagdlichen Bedingungen.
Ob jagdliche Übungen, Feld oder Wasserjagd, diese Art von Schaft ist wahrlich universell.

😉
Ein nettes Betätigungsfeld wurde in der letzte Zeit das Ausschmücken des Griffes mit allerlei anatomischen Kurven…
Der sogn Handschweller (eine Erhebung die zur Innenseite der Hand korrespondieren soll) ist in seiner genialen Einfachheit,den Schnitzkünstlern zuwenig.
Daumen,Finger und Handballenauflagen schaffen ein „unnachahmliches Customfeeling“
Wenn sie dies haben wollen,seinen sie sicher, bei Ihrem Spiegelei auch immer zwei Kiwistreifen mit zu bestellen!
…sonst kommt noch jemand auf die Idee, Sie würden NICHT Jeden Quatsch mitmachen. 😉

Wie weit nun diese Erkenntnisse Ihre Schießleistungen verbessern?
Na wahrscheinlich erst mal gar nicht…
Aber es könnte als famose Ausrede für die nächsten Fehlschüsse herhalten…oder man sucht die nächste Flinte ein klein wenig gezielter aus…

Bunduki

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2 Kommentare zu Griffiges…winkliges…kräftiges… Griffwinkel bewußt wählen

  1. Günni sagt:

    Hallo,
    über die Griffhaltung bei Flinten denke ich gerade nach. Ich habe mir für die Einzeljagd auf Krähen und Tauben eine Remington 870 gekauft. Diese Waffe wird auch mit einem Lochschaft angeboten. Nun jagen die Amerikaner wohl ihre TomToms damit, gezielt aus ruhigem Anschlag. Kann man mit einer solchen Griffhaltung bei Tontauben überhaupt noch mitreden?

  2. Bunduki sagt:

    Die Lochschäfte dienen zur Truthahn-Jagd mit Zielfernrohr,Büchsenvisier etc.
    Für den normalen Flintenschuß ist das Mumpitz und (milde gesagt) wenig zielführend.
    den Pistolengriff darf man nicht isoliert sehen. Senkung und Schaftlänge spielen eine extrem wichtige Rolle.
    Da punkten die pygmäenhaften Schäfte der Remington nun gar nicht.
    Senkung 29,15 und Schaftlänge 35 wären für eine „normale Flinte“ völlig ungeeignet.

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